Ohne zu viel auf die aktuelle politische Lage in Europa und den USA einzugehen, ergibt es zum gegenwärtigen Zeitpunkt durchaus Sinn, dass sich die EU auf unabhängige und in Europa entwickelte Software-Lösungen konzentriert. Das Bundesland Schleswig-Holstein macht es bereits vor und hat von Microsoft Office-Lösungen zu Open-Source-Programmen gewechselt.
Auch im Hinblick auf privat und beruflich genutzte soziale Netzwerke setzt gerade ein Umdenken ein. Viele der beliebtesten Plattformen gehören Big Tech-Unternehmen aus den USA, sei es Facebook, WhatsApp, Instagram und Threads, die zum Meta-Konzern von Mark Zuckerberg gehören oder X von Elon Musk. Auch Bluesky, YouTube, Snapchat, LinkedIn und Reddit stammen aus US-amerikanischer Hand.
Nun macht die deutsche Juristin und frühere eBay-Managerin Anna Zeiter, 46, damals zuständig für das gesamte nicht-amerikanische Geschäft und weltweite Datenschutz-Angelegenheiten, mit einem neuen Projekt auf sich aufmerksam. Sie soll eine europäische Antwort auf X, früher als Twitter bekannt, liefern, und Europa aus der technologischen Abhängigkeit der USA herausführen.
Das neue geplante Netzwerk heißt „W Social“, das „W“ soll dabei für „We“ und große Fragen des investigativen Journalismus stehen: Wer, Wie, Was, Wann, Wo und Warum. Darüber hinaus bestehe der Buchstabe „W“ aus zwei „V“, die jeweils für „Values“ (dt. Werte) und „Verified“ (dt. bestätigt) stehen sollen. Dies berichtet Anna Zeiter in einem Bericht des Schweizer Mediums Bilanz.
Laut Zeiter soll W Social eine „bessere Version von Twitter“ sein. „Positive, respektvolle Kommunikation soll gefördert werden“. Dazu will der Kurznachrichtendienst auch eine verpflichtende Verifizierung der Nutzer und Nutzerinnen vorschreiben, um Fake-Accounts und Bots von der Nutzung der Plattform auszuschließen. So sollen Falschmeldungen und Propaganda-Inhalte vermieden werden. Darüber hinaus soll es möglich sein, sich Beiträge aus einer anderen Filterblase anzeigen zu lassen. Die Daten von W Social sollen dezentral in Europa von europäischen Firmen gehostet werden.
Früherer Vizekanzler Philipp Rösler unterstützt W Social
So sieht die Weltkarte der W Social-Website aus.
Wie Bilanz berichtet, plant Anna Zeiter und W Social, eine erste Betaversion bereits im Februar zu veröffentlichen. Gegen Ende dieses Jahres möchte man dann die Pforten für alle Interessierten offiziell öffnen. Schon jetzt unterstützen W Social einige bekannte Gesichter, darunter der frühere deutsche Vizekanzler Philipp Rösler, Cristina Caffara von EuroStack und zwei ehemalige schwedische Minister. Die Finanzierung erfolgt in großen Teilen von schwedischen Tech-Investoren. Bilanz nennt beispielsweise Ingmar Rentzhog, „CEO und Gründer von ‚We Don’t Have Time‘, einer klimapolitischen Medien- und Aktivismusplattform aus Stockholm.“
Schon jetzt gibt es eine Website für W Social, die allerdings noch wenig aussagekräftig ist. Es wird allerdings deutlich, dass die Early-Access-Nutzung der Plattform wohl auf Einladungen und entsprechenden Codes beruht. Was verwundert, ist die Grafik der Website, die andeutet, dass es in Europa keine eigenen sozialen Netzwerke und Plattformen gäbe.
Mit Mastodon, einem dezentralen Microblogging-Dienst aus der Feder des Berliner Entwicklers Eugen Rochko, besteht allerdings schon seit 2016 eine europäische Alternative zu X, die zudem kostenlos und werbefrei ist. Der Kurznachrichtendienst auf Open Source-Basis zählt mittlerweile mehr als 15 Millionen Nutzer und Nutzerinnen und verfügt mittlerweile auch über zahlreiche Drittanbieter-Clients für iOS, iPadOS und macOS. Auch wir sind dort seit einiger Zeit mit einem eigenen Account vertreten.
Es bleibt also abzuwarten, ob und wie sich W Social auf dem europäischen Markt durchsetzen kann. Mit Mastodon gibt es bereits eine Big Tech-freie Gratislösung, die ohne große Investoren im Hintergrund auskommt und aufgrund ihrer dezentralen Struktur nicht von ebensolchen aufgekauft werden kann. Eine einheitliche Plattform anstelle vieler kleiner Splitter-Netzwerke scheint für Europa in diesen herausfordernden Zeiten eher angebracht zu sein – warum konzentriert man sich nicht auf die Lösungen, die bereits vorhanden sind?
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