Der Beitrag Baustopp für Wind und Solar: Ein Frontalangriff auf die Energiewende? erschien zuerst beim Online-Magazin BASIC thinking. Über unseren Newsletter UPDATE startest du jeden Morgen bestens informiert in den Tag.

Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) will den Ausbau von Wind- und Solarkraft in einigen deutschen Regionen stoppen. In einem geleakten Gesetzesentwurf wird der schleppende Netzausbau als Grund genannt. Kritiker sprechen von einem Frontalangriff auf die Energiewende. Eine kommentierende Analyse.

Wirtschaftsministerin Reiche plant Baustopp für Wind und Solar

Mit einem Referentenentwurf, der unter anderem Table Media vorliegt, will Wirtschaftsministerin Katherina Reiche zentrale Vorgaben für die Energiebranche kippen, die teilweise seit 25 Jahren gelten. Der sogenannte Anschlussvorrang für erneuerbare Energien soll künftig etwa entfallen. Dieser sieht vor, dass Solar- und Windkraftanlagen immer als Erstes angeschlossen werden. Reiche will hingegen, dass die Netzbetreiber eigenmächtig entscheiden können, welche Anlagen ans Netz gehen dürfen und welche nicht.
Hintergrund der Pläne ist der schleppende Netzausbau in Deutschland, der mitunter dazu führt, dass Windräder und Solaranlagen heruntergefahren werden müssen, wenn sie zu viel Strom produzieren. Diesen Vorgang bezeichnet man auch als Abregelung, die eine Überlastung der Stromnetze verhindern soll. Laut Bundesnetzagentur wurden 2024 insgesamt 3,5 Prozent der erneuerbaren Stromerzeugung abgeregelt, was zu Kosten in Höhe von 554 Millionen Euro geführt hat.
Das sogenannte Netzpaket sieht vor, dass Betreiber von Solar- und Windkraftanlagen am Ausbau der Stromnetze finanziell beteiligt werden können. Bisherige Entschädigungszahlungen sollen aufgrund abgeregelter Anlagen für bis zu zehn Jahre entfallen. Im Entwurf wird diese Fördermaßnahme für Erneuerbare „Redispatch-Vorbehalt“ genannt. Sie ist zentrale Grundlage dafür, dass Anlagenbetreiber den Ausbau von Wind- und Solarkraft vorantreiben können. Gas- und Kohlekraftwerke sollen laut Gesetzesentwurf weiterhin Anspruch auf Entschädigungen erhalten.

Der Klimawandel ist keine Ermessensfrage

Der aktuelle Gesetzesentwurf des Wirtschaftsministeriums ist weniger im Sinne des Netzausbaus, sondern stellt vielmehr eine Machtverschiebung im Rahmen der Energiewende dar. Denn wenn der Anschlussvorrang für Erneuerbare entfällt, wird aus einem Rechtsanspruch eine Ermessensfrage. Doch der Klimawandel ist keine Ermessensfrage.

Die Lobbyarbeit der Netzbetreiber bei Katherina Reiche scheint derweil Früchte getragen zu haben. Das Ziel: Sie wollen von einem technischen Dienstleister zu einem Torwächter der Transformation werden. Das mag effizient klingen, stinkt aber gewaltig.

Denn wer dem schleppenden Netzausbau mit einem Baustopp für Erneuerbare habhaft werden will, verwechselt Symptom und Ursache. Vergleichbar mit der Frage: Repariert man die Straße oder sperrt man Autos?

Noch brisanter wird es beim Redispatch-Vorbehalt. Denn wer fossile Kraftwerke durch Entschädigungen absichern will, während Betreiber von Wind- und Solarparks zahlen sollen, verzerrt den Wettbewerb im Kampf gegen den Klimawandel.

Klar: Erneuerbare und der Netzausbau sollten Hand in Hand gehen, um Unabhängigkeit, Effizienz und bezahlbare Strompreise zu garantieren. Zumindest in puncto digitaler Transparenz sieht der Reiche-Entwurf durchaus Sinnvolles vor. Doch anstatt auf pauschale Baustopps zu setzen und Entschädigungen unausgewogen zu streichen, täte Deutschland gut daran, mehr Gas beim Netzausbau als bei fossilen Kraftwerken zu geben.

Stimmen

Auch RWE-Chef Markus Krebber übte auf einer Fachmesse am 10. Februar 2026 scharfe Kritik: „Das ist absurd. Wenn man die Redispatch-Kosten an andere geben will, dann müssen die Netzbetreiber diese tragen, ohne sie an die Kunden weitergeben zu dürfen.“ Laut Krebber erhöhe das den Druck, die Netze schneller auszubauen, ohne die Energiewende zu bremsen.
Der unabhängige Energieexperte Tim Meyer findet „auch viel Richtiges im Gesetzesentwurf“. In einem LinkedIn-Beitrag schreibt er: „Gebiete mit begrenzter Netzaufnahmekapazität auf digitalen Plattformen transparent ausweisen und übergangsweise andere Spielregeln vertraglich regeln? Klingt sinnvoll. Auf digitalen Plattformen verfügbare Netzkapazitäten ausweisen und Anschlussbegehren digital umsetzen? Unbedingt! Wo ist also der Haken? Genau an dem Punkt, zu dem der Entwurf kein einziges Wort verliert: der strukturellen Überforderung von Verteilnetzbetreibern.“
Carolin Dähling, Bereichsleiterin Politik und Kommunikation bei Green Planet Energy, in einem Statement: „Das geplante Netzpaket des Bundeswirtschaftsministeriums ist ein Frontalangriff auf die Energiewende. Wenn der Einspeise- und Anschlussvorrang für erneuerbare Energien fällt, droht der Ausbau von Wind- und Solarenergie massiv einzubrechen. Ministerin Reiche hält zwar offiziell an den Ausbauzielen fest, doch was nützen Solardächer und Windräder auf dem Papier, wenn neue Anlagen nicht wirtschaftlich betrieben werden können und keinen verlässlichen Netzanschluss mehr bekommen?“

Muss der Druck auf die Netzbetreiber steigen?

Das Netzpaket wird aufgrund der nahezu ausschließlich negativen Kritik vermutlich in zentralen Punkten entschärft werden. Der Anschlussvorrang könnte in modifizierter Form bestehen bleiben, während digitale Transparenzplattformen kommen und der Druck auf die Netzbetreiber steigt.

Sollte die Reform aber weitgehend wie geplant umgesetzt werden, wird der Ausbau der Erneuerbaren in netzschwachen Regionen ausgebremst. Denn Investoren müssten mit einem höheren Risiko kalkulieren. Und: Die Energiewende würde regionalisiert – mit grünen Hotspots und grauen Flecken.

Das politische Szenario: Der Streit um Netze, Kosten und Zuständigkeiten wird zum Symbolkonflikt über Tempo und Prioritäten. Doch falls die Regierung den Eindruck erweckt, Erneuerbare auf die Wartebank zu schicken, könnte Vertrauen bröckeln.

Gelingt hingegen der Beweis, dass bessere Steuerung nicht gleichbedeutend mit einer Bremse ist, würde aus dem Netzpaket kein Bremsklotz, sondern ein Navigationssystem. Letztlich entscheidet sich die Zukunft aber nicht am Mast, sondern am Maß.

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