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Seit 2026 landen mehr Zivilverfahren ohne Anwalt vor dem Amtsgericht. Immer öfter stammen die Schriftsätze aus der KI. Das Ergebnis: längere, sprachgewaltige Texte mit zweifelhafter Substanz, die Richter und Anwälte prüfen müssen. Eine kommentierende Analyse. 

Seit dem 1. Januar 2026 werden Zivilverfahren mit einem Streitwert bis 10.000 Euro vor den Amtsgerichten verhandelt. Man könnte meinen, das wäre eine Nebensächlichkeit, eine technische Änderung. Allerdings nutzen immer mehr Menschen Künstliche Intelligenz (KI), um Schriftsätze zu formulieren.

Das, zusammen mit der Streitwertänderung, könnte den Zivilprozess tiefgreifender verändern, als es auf den ersten Blick scheint. Denn es geht um die Frage, wie sich die Qualität von Klagen, Erwiderungen und Schriftsätzen in Gerichtsprozessen insgesamt verändert.

KI am Amtsgericht: Reform trifft auf Technologie

Mit der Anhebung der Streitwertgrenze auf 10.000 Euro verfolgt der Gesetzgeber ein Ziel, das meiner Ansicht nach erst einmal seine Berechtigung hat: Mehr Verfahren sollen bei den Amtsgerichten verhandelt werden und dort schneller und bürgernäher zu einer Entscheidung kommen.

Der Weg zum Gericht – von strittigen Rechnungen über mangelhafte Leistungen bis hin zu sonstigen kleineren Auseinandersetzungen – soll niedrigschwelliger sein. Dazu gehört insbesondere das, was schon vor der Reform vor den Amtsgerichten galt und was weiter gilt: Es gibt keine Pflicht, sich dort von einem Anwalt vertreten zu lassen; ab den Landgerichten ist das anders, dort herrscht der sogenannte Anwaltszwang.

Parallel dazu hat sich jedoch etwas verändert, das bei dieser Reform wohl nicht berücksichtigt wurde, mangels Kenntnis der Verbindung auch keine Berücksichtigung finden konnte: die Existenz, Verfügbarkeit und Qualität von KI-Systemen und deren Nutzung durch die Bürgerinnen und Bürger.

Wer heute ein rechtliches Problem hat, kann es einer KI wie ChatGPT oder Gemini in Alltagssprache schildern und erhält binnen Sekunden einen strukturierten, juristisch klingenden Text.

Das jedoch verändert das Verhalten der Menschen, nicht nur allgemein, sondern auch in Gerichtsverfahren. Nicht, weil sie plötzlich rechtlich versierter wären, sondern weil die Hürde, überhaupt etwas „Gerichtstaugliches“ zu Papier zu bringen, drastisch gesunken ist.

Schriftsätze werden länger, nicht besser

Dass KI bei der Erstellung von Schreiben an das Gericht von juristischen Laien eingesetzt wird, sollte nicht verwundern. Es lässt sich inzwischen gut beobachten, was passiert, wenn KI in bürokratischen oder konfliktträchtigen Kontexten Einzug hält.

Ein Blick in andere Bereiche genügt: In der Immobilienwirtschaft etwa berichten mir viele Immobilienverwalter im Rahmen meiner Vorträge, dass Schreiben von Eigentümern oder Mietern deutlich länger geworden sind.

Damit werden sie nicht präziser und auch nicht zwingend sachlicher, dafür aber umfangreicher. Denn KI produziert Text, und sie produziert ihn bereitwillig. Mit dieser Textmasse muss man sich dann aber als Hausverwalter auseinandersetzen.

KI am Amtsgericht sorgt für Mehraufwand für Richter

Überträgt man dieses Muster auf den Zivilprozess vor den Amtsgerichten, kann man eine Entwicklung absehen: Klagen und Erwiderungen werden umfangreicher werden, wenn diese von juristischen Laien mithilfe von KI verfasst werden, anstatt von Anwälten.

Sie werden mehr unnötige Argumente enthalten, mehr rechtliche Begriffe und überflüssige Erläuterungen sowie mehr vermeintliche Bezüge auf Rechtsprechung und Literatur.

Für juristische Laien wirkt das wie eine Aufwertung der eigenen Position. Für Richterinnen und Richter bedeutet es vor allem mehr Arbeit. Denn ein Gericht darf sich von Umfang und Sprachgewalt nicht beeindrucken lassen.

Es muss prüfen, was davon rechtlich relevant ist. Es muss erkennen, welche Argumente tragen und welche bloße Textmasse sind. Und es muss sich mit jeder behaupteten Quelle auseinandersetzen – unabhängig davon, ob sie aus einem Lehrbuch stammt oder aus der statistischen Wahrscheinlichkeit eines Sprachmodells.

Risiko: Wenn Überzeugung Recht ersetzt

Gerade in dieser Verschiebung von Qualität zu Quantität liegt ein Risiko. KI ist hervorragend darin, überzeugend zu formulieren. Sie ist aber nicht zuverlässig darin, richtigzuliegen. Sie erfindet gerne Inhalte, was als „Halluzinationen“ bekannt ist.

Das wird insbesondere dort relevant, wo sie konkrete Urteile, Fundstellen oder Meinungen benennt. Jemand, der nicht entsprechend trainiert ist, und das sollte auf die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger zutreffen, besteht das Problem zu erkennen, wo in der Textmasse die Fehler liegen. Ich denke, das wird sehr schwer werden.

Für Richterinnen und Richter entsteht daraus jedoch ein viel gravierenderes, weil strukturelles Problem. Jede zitierte Entscheidung, jede behauptete Lehrmeinung muss überprüft werden. Und diese Prüfung erfolgt derzeit selten automatisiert, sondern manuell.

Was früher vielleicht eine schlanke Klage mit klarer Rechtsfrage war, wird nun nicht selten ein mehrseitiges Dokument mit zahlreichen Nebenaspekten. Die eigentliche Rechtsfrage verschwindet im Text.

Für das Gericht bedeutet das einen höheren Aufwand, um den Kern des Falls freizulegen. Die Gefahr ist offensichtlich: Verfahren könnten länger dauern, nicht kürzer. Die erhoffte Effizienz der Reform wird somit durch Textmengen konterkariert.

Neue Aufgaben für Richter

Sollte die Entwicklung so kommen, wie ich sie befürchte, wird sich die Justiz zwangsläufig anpassen müssen. Richterinnen und Richter werden sich intensiver mit KI auseinandersetzen müssen, nicht aus technischer Neugier, sondern aus praktischer Notwendigkeit.

Wer verstehen will, wie Schriftsätze mithilfe von KI entstehen, muss wissen, wie KI arbeitet, wo ihre typischen Schwächen liegen und welche Muster sie produziert. Aber es geht nicht nur um Verständnis der Funktionsweise von KI.

Für Richterinnen und Richter reicht es nicht mehr, nur den Inhalt der eingereichten Schriftsätze zu lesen. Es wird zunehmend darum gehen, Text zu filtern, Relevanz zu erkennen und KI-typische Überdehnungen zu identifizieren.

Langfristig wird die Justiz kaum darum herumkommen, selbst technische Hilfsmittel einzusetzen, um Schriftsätze zu strukturieren, Urteile und Literaturquellen zu überprüfen und Textmengen beherrschbar zu machen. Die KI-Aufrüstung der Justiz ist damit keine Option mehr, sondern eine Notwendigkeit.

KI am Amtsgericht: Positive und negative Nebenwirkungen

Natürlich hat diese Entwicklung auch positive Seiten. Immer mehr Menschen werden sich trauen, ihre Rechte vor Gericht geltend zu machen. Der Zugang zur Justiz wird realer, nicht nur theoretisch. KI kann helfen, Gedanken zu ordnen und Anliegen verständlich zu formulieren. Das ist ein Gewinn.

Doch dieser Gewinn hat einen Preis. Wenn die Qualität der Schriftsätze sinkt, leidet die Effizienz des gesamten Systems. Wenn Gerichte mehr Zeit damit verbringen müssen, Textmassen zu sichten und Quellen zu prüfen, fehlt diese Zeit an anderer Stelle. Der Zivilprozess lebt von Klarheit und Konzentration auf das Wesentliche. Es ist zu befürchten, dass KI das Gegenteil fördert.

Ein System unter Anpassungsdruck

Absehbar ist schließlich auch, dass sich diese Entwicklung nicht von selbst regulieren wird. Die Streitwertgrenze wird bleiben, ist aber meiner Ansicht nach nicht ausschlaggebend. Wichtiger wird sein, dass KI immer besser wird.

Die Frage ist also nicht, ob sich die Justiz anpassen muss, sondern wie schnell und wie konsequent. Technische Unterstützung, neue Arbeitsweisen und ein vertieftes Verständnis für KI-generierte Texte werden zur Voraussetzung für funktionierende Gerichtsverfahren.

Gleichzeitig wird sich auch die Rolle der Anwaltschaft verändern. Wer früher für eine Klage einen Anwalt beauftragt hat, auch bei einem Streit vor einem Amtsgericht, wird sich heute immer öfter fragen, ob er den ersten Schritt nicht selbst gehen kann, wenn kein Anwalt zwingend beauftragt werden muss.

Diese Überlegung ist verständlich. Ich glaube aber, sie ist trügerisch. Denn KI ersetzt keine Erfahrung, keine strategische Einschätzung und kein Gespür für Risiken, was gerade Anwälte auszeichnet. Gerade weil Schriftsätze einfacher zu produzieren sind, steigt vielmehr der Bedarf an Einordnung von juristischen Problemen.

Fazit: Umgang mit KI verändert den Zivilprozess

Ich denke, dass wir eine Systemveränderung bei Prozessen vor Amtsgerichten erleben werden durch den immer stärker werdenden Einsatz von KI durch Bürgerinnen und Bürger. Die Anhebung der Streitwertgrenze wird dies verstärken.

Wenn KI im Zivilprozess jedoch eine immer größere Rolle spielt, wird sich – und muss sich – meiner Ansicht nach die Arbeit der Anwälte verschieben: Weg vom reinen Formulieren, hin zum Erklären, Bewerten und Filtern.

Anwälte werden stärker zu Übersetzern zwischen Technik, Recht und Realität. Sie werden erklären müssen, warum ein gut klingender Schriftsatz nicht zwingend ein guter Schriftsatz ist. Und sie werden dort gebraucht, wo KI an ihre Grenzen stößt.

Die Reform zum 1. Januar 2026 markiert damit weniger einen Bruch als einen Übergang. Das Recht bleibt gleich. Aber die Art, wie darüber gestritten wird, wird sich verändern. Die eigentliche Herausforderung liegt nicht im Einsatz von KI, sondern im Umgang mit ihr.

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