Auch wir sind im deutschen App Store mit unserer appgefahren iOS-News-App für iPhones und iPads vertreten (App Store-Link). Vor rund 14 Jahren ist uns tatsächlich ein Sprung der Anwendung auf Platz 1 der App Store-Charts in der entsprechenden Nachrichten-Kategorie gelungen. Wie ein neuer interessanter Artikel von The Verge aufzeigt, gelingt dies unter den aktuellen Gegebenheiten im App Store nur den wenigsten unabhängigen Entwicklern und Entwicklerinnen. Ein ungewöhnliches Beispiel ist die App „Focus Friend“ von Bria Sullivan.

Als Bria Sullivan ihre App Focus Friend im Sommer letzten Jahres in den iOS App Store einstellte, hoffte sie insgeheim auf 100.000 Downloads, glaubte aber auch, dass das Ziel unrealistisch erschien. Schließlich konkurriert sie in der Produktivitäts-Kategorie des App Stores mit Schwergewichten wie ChatGPT und Google. Doch dann kam der Moment, den kaum ein Entwickler oder eine Entwicklerin je erlebt: Am 19. August wurde Focus Friend die meistgeladene kostenlose App in den gesamten Vereinigten Staaten, sowohl im iOS App Store als auch im Google Play Store. „Ich entwickle seit 2010 Apps“, berichtet Sullivan gegenüber The Verge, „und ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich so hoch hinauskommen würde.“

Der Aufstieg war kein Zufall: Mitentwickler Hank Green, ein Creator mit einer riesigen Fangemeinde, warb gemeinsam mit seinem ebenso bekannten Bruder intensiv für die App, Medienberichte befeuerten den Hype zusätzlich. Focus Friend kletterte Stufe für Stufe durch die Charts, bis Sullivan eines Abends zu Bett ging, während die App auf Platz 2 stand. Als sie am nächsten Morgen aufwachte, stand Focus Friend auf Platz 1. Den Spitzenplatz hielt sie genau einen Tag lang, bevor ChatGPT seinen angestammten Platz zurückerobert hatte.

Prädikat „Nr. 1 im App Store“ öffnet weitere Türen

Temu führt die Liste der bestplatzierten Apps im App Store an. Grafik (c) The Verge.

Doch ein Tag zählt. „Nr. 1 im App Store“ prangt seitdem in großen Lettern auf der Website von Focus Friend. Sullivan, die nach eigener Aussage seither nach Wegen sucht, diesen Fakt in möglichst viele Gespräche einzuflechten, hat unzählige Screenshots jenes Tages gesichert. Dahinter steckt jedoch viel mehr als Eitelkeit: Der Titel funktioniert wie ein Gütesiegel. Mehrere Entwicklerstudios berichten, dass Gespräche mit potenziellen Partnern und Investoren nach dem Erreichen der Spitze plötzlich deutlich leichter anzubahnen waren.

Tatsächlich ist die Gesellschaft an der Spitze aber exklusiver, als man vermuten könnte. Wie The Verge aufzeigt, haben seit 2012 laut des Marktforschungsunternehmens Sensor Tower lediglich 568 verschiedene Apps die Top-Position im kostenlosen Bereich des US-App Stores belegt: Das entspricht weniger als zwei Hundertstel Prozent aller verfügbaren Apps. Temu hält mit 399 Tagen den Rekord, gefolgt von beliebten Plattformen wie Facebook Messenger, ChatGPT, YouTube und TikTok. Auf der anderen Seite des Spektrums standen 130 Apps nur einen einzigen Tag ganz oben, darunter Taco Bell, Netflix, Yahoo Mail und Planet Fitness. Laut Sullivan benötigt es rund 200.000 App-Downloads pro Tag, um ziemlich sicher die Spitze des App Stores zu erreichen.

Wer nun auch vorhat, eine App ganz an die Spitze der App Store-Charts zu bringen, benötigt entweder ein perfektes Timing direkt nach dem Launch, ein großes kulturelles Ereignis oder kostenlose Angebote. Peacock landete fast ausnahmslos dann auf Platz eins, wenn der Streamingdienst NFL-Spiele, die WM oder Olympia übertrug. Die App „1 Second Everyday“ erlebt ihren alljährlichen Anstieg zuverlässig am Neujahrstag, wenn User ihre einsekündigen Jahresrückblicke in sozialen Medien teilen. Fast Food-Ketten wie Taco Bell lockten mit Gratisangeboten im Austausch gegen App-Downloads.

Erfolg im App Store hat auch seine Schattenseiten

Doch der Ruhm hat seinen Preis. Ben Moore, Geschäftsführer von BeReal, beschreibt den Moment an der Spitze wie einen viralen Schub in sozialen Medien: Schnell, kaum vorhersehbar und ebenso schnell wieder vorbei. „Am Ende ziehen Sie Nutzer an, die nicht unbedingt wegen des Kernwerts Ihrer App gekommen sind“, berichtet er im Artikel von The Verge. Dazu kommen Infrastrukturkosten durch überlastete Server und eine plötzliche Nachfrage nach Kundensupport, der wenige Tage später womöglich gar nicht mehr benötigt wird. Und wer viral geht, zieht Nachahmer an: Die Foto-App Gradient wurde nach ihrem Spitzenplatz 2019 prompt von einer Flut an Klon-Apps überrollt.

Die eigentliche Lektion, die sich aus all den Erfahrungen von Entwicklern wie Sullivan, Moore und anderen herauskristallisiert, ist ernüchternd und ermutigend zugleich: Platz 1 im App Store ist kein Geschäftsmodell, sondern eher ein Moment. Vergleichbar mit dem Bestseller-Stempel vom Magazin Spiegel oder einer Oscar-Nominierung verleiht er Glaubwürdigkeit und öffnet Türen, garantiert aber keine langfristige Rentabilität. Wer dauerhaft erfolgreich sein will, muss sich auf den schrittweisen Aufbau einer treuen Nutzerbasis konzentrieren, statt der nächsten viralen Welle hinterherzujagen. „Es wird immer andere Apps geben, andere Unternehmen mit größeren Marketingbudgets, neue virale Phänomene, die du nicht einmal ansatzweise vorhersagen kannst“, schließt The Verge. Trotzdem kann dieser eine Tag an der Spitze der App Store-Charts das Leben eines Entwicklers oder einer Entwicklerin dauerhaft verändern.

Der Beitrag An der Spitze der App Store-Charts: Die tolle Geschichte der „Focus Friend“-App erschien zuerst auf appgefahren.de.

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