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Im Herbst 2025 sorgte eine niederländische Produktionsfirma mit der KI-Schauspielerin Tilly Norwood für Aufruhr in der Filmbranche. Viele Filmschaffende äußerten damals die Sorge, ihren Job aufgrund Künstlicher Intelligenz zu verlieren. Nun ist Norwood wieder da – und zwar mit einem kompletten Musikvideo. Doch nicht nur die Botschaft ist eine andere. Auch die Ängste in der Branche haben sich verschoben. Eine kommentierende Analyse.
Wer ist Tilly Norwood?
Tilly Norwood ist eine Kunstfigur des KI-Studios Particle 6 Productions. Sie wurde erstmals im Herbst 2025 auf dem Zürich Film Festival (Zurich Summit) vorgestellt. Studioleiterin ist die niederländische Künstlerin Eline Van der Velden, die als Schauspielerin, Autorin und Produzentin in London arbeitet. Bislang hatte sie nur kleinere Auftritte in britischen TV-Serien. Seit der Vorstellung von Norwood steht Van der Velden im Rampenlicht.
Kurz nachdem Tilly Norwood zum Leben erweckt wurde, gab ihre Schöpferin offiziell die Gründung des KI-Talentstudios Xicoia bekannt. Vor allem ein KI-generiertes YouTube-Video, in dem auch Norwood vorkommt, sorgte damals in der Film- und Schauspielbranche für Aufruhr. Von Entsetzen bis hin zu Existenzängsten war die Kritik damals überwiegend negativ.
Nun, rund ein halbes Jahr später, steht Tilly Norwood erneut im künstlichen Rampenlicht. In einem KI-Musikvideo ist sie als Sängerin und Schauspielerin zu sehen. Das Video „Take The Lead“ wurde jedoch nicht ausschließlich mittels Künstlicher Intelligenz erstellt. Laut einem Hinweis zu Beginn waren 18 Menschen an der Produktion beteiligt.
KI-Musikvideo zum Fremdschämen
Das KI-Musikvideo „Take The Lead“ mit Tilly Norwood lässt sich irgendwo zwischen Fremdscham, lustigen Momenten und echt schrägen Szenen einordnen. Der Unterschied zum ersten KI-generierten Clip mit der unechten Schauspielerin: Damals wollte Particle 6 offenbar den Eindruck vermitteln, Norwood sei ein echter Mensch. Zumindest versuchte man, ihren KI-Background so gut es geht zu verschleiern.
Diesmal ist das anders. Der künstliche Ursprung wird nicht mehr versteckt, sondern regelrecht ausgestellt – inklusive Plastik-Glanz, überdrehtem Popgedudel und einer Ästhetik, die wirkt, als hätte ein Algorithmus zu lange in einer 2000er-Playlist festgehangen. Verstörend ist das durchaus, aber auch ehrlich. Denn das Video tut gar nicht erst so, als wäre hier etwas rein Menschliches entstanden.
Gerade darin liegt auch eine gewisse Komik. „Take The Lead“ funktioniert fast wie eine Selbstparodie auf die KI-Kultur: übertrieben, leicht schief und stellenweise einfach nur schlecht. Doch genau dieses Schräge legt die Schwächen der Technologie offen. Während der Refrain nach Chartplatzierung klingt, stolpern Bild und Emotion immer wieder über dieselbe Hürde. Die Pointe: Kreativität lässt sich zwar simulieren, aber wirkt dann häufig seelenlos.
Marketingtechnisch ist das Video ein durchaus cleverer Schachzug, denn es ist auch eine Persiflage auf die Kritik des ersten Auftritts von Tilly Norwood sowie auf die Blockbuster-Industrie, die sich kurz geschüttelt, dann aber weitergemacht hat wie zuvor. Doch die Kosten explodieren seit Jahren und vor allem Make-up, Kostüm, Ton, Licht und Kamera stehen unter Druck, während die großen Stars und Produktionsfirmen Millionen scheffeln.
Stimmen
KI-Schauspielerin Tilly Norwood singt in ihrem Video: „Wenn sie über mich reden, sehen sie nicht. Den menschlichen Funken, die Kreativität. Hinter dem Code, hinter dem Licht. Ich bin nur ein Werkzeug, aber ich habe Leben. Ich bin nicht aus dem Nichts gekommen, nein. Es gibt immer eine Geschichte, weißt du. Es ist kein Fehler, es ist Geschmack und Zeit. Eine menschliche Note, ein großartiges Design.“
Kommentator Lance Ulanoff spottet in einem Meinungsbeitrag auf Techradar: „‚Take The Lead‘ macht mir Mut – nicht wegen seines Ohrwurm-Refrains, sondern weil es in so vielerlei Hinsicht einfach nur furchtbar ist. Die Bildsprache ist chaotisch und stellt, da es weder eine Handlung noch ein Thema gibt, eine abgedroschene visuelle Metapher dar. Je länger sie singt, desto deutlicher wird, dass Norwood unecht ist, so leer und künstlich wie diese Gartenflamingos, die man auf den Rasenflächen Floridas sieht. Zumindest kann man diese umwerfen.“
Particle-6-Chefin Eline Van der Velden gegenüber Variety: „Tilly ist und war schon immer ein Mittel, um die kreativen Fähigkeiten und Grenzen der KI zu testen – und nicht, um irgendjemandem den Job wegzunehmen. Ich finde, dass die Möglichkeit, vollständig in eine KI-Figur zu schlüpfen, eine phänomenale Möglichkeit ist, einen unbekannten Schauspieler wie mich näher an das Handwerk heranzuführen. Letztendlich muss man jedoch betonen, dass KI-Inhalte nicht von heute auf morgen entstehen – es braucht immer gute Ideen, Geschmack, Anleitung, Urteilsvermögen und Zeit. Mit anderen Worten: Der Mensch bleibt das Herzstück.“
Konflikt Urheberrecht
Hinter Tilly Norwood steht mit Particle 6 ein Studio, das aus der digitalen Figur mehr machen will als ein einmaliges Experiment. Die Vision nennt sich „Tillyverse“ – eine Cloud-Unterhaltungswelt, in der KI-Charaktere singen, spielen und vermutlich bald auch Interviews geben, ohne jemals müde oder alt zu werden. Eine Hollywood-Welt, die mehr Rechenleistung als Menschen benötigt.
Dass daraus tatsächlich ein Geschäftsmodell werden soll, zeigt die strategische Aufrüstung. Mit Mark Whelan, früher Social-Stratege bei Amazon Prime Video, hat das Studio jemanden angeheuert, der weiß, wie man Aufmerksamkeit und Klicks generiert, um Marken aufzubauen und Geld zu verdienen.
Die Beteuerung, dass KI niemandem in der Filmbranche den Job wegnehmen würde, ist aber Quatsch. Klar: Es wird immer Menschen brauchen, die solche Videos erstellen. Doch sollten sich andere Produktionsstudios auf solche Technologien einlassen, müssten sich einige Beschäftigte vermutlich nicht nur umorientieren, es bräuchte wahrscheinlich auch deutlich weniger Personal.
Den Stars der Film- und Musikbranche wird ein solches Schicksal aller Voraussicht nach erspart bleiben. Doch: Was ist mit Laiendarstellern, Kamerafrauen oder Cuttern? Der noch größere Konflikt sind aber die KI-Algorithmen, die Figuren wie Tilly Norwood und ihr Musikvideo möglich machen. Denn: Sie wurden mit dem Material realer Künstler trainiert – meist jedoch ohne deren Zustimmung oder ohne jegliche Bezahlung.
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